Liebreizende Burgfrauen, verehrte Gäste, liebe Schlaraffen, hört!
111 Jahre – das ist mehr als ein Menschenleben. 111 Jahre, in denen sich die Welt dramatisch verändert hat. Zwei Weltkriege, die Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands, technische Revolutionen von der ersten Glühbirne bis zur Künstlichen Intelligenz.
Und durch all diese Jahre ist etwas Besonderes lebendig geblieben: unser Castrum Bonnense. Ein Ort der Freundschaft, der Kunst und des Humors. Eine Gemeinschaft, die Kriege und Verbote überstand, die sich immer wieder neu erfand und doch ihren Kern bewahrte.
Es gibt vieles, was man aus diesen 111 Jahren erzählen könnte. Wir möchten uns bei der heutigen Feier auf zwei Kapitel fokussieren:
Erstens werden wir Euch von einem Ritter erzählen, der eine Schlüsselrolle in der Geschichte unseres Reiches gespielt hat und der nicht Ritter Juppitter ist.
Zweitens möchten wir Euch von der Entstehung der Florestanfeiern und des Florestan-Turneys berichten.
Ritter Kapitälchen
Die eben erwähnte Schlüsselfigur hieß profan Karl Edler. Er war ein angesehener Bonner Architekt, und er prägte nicht nur das Stadtbild mit über 20 heute noch bestehenden denkmalgeschützten Gebäuden, sondern auch die Geschichte des Castrum Bonnense.
Er war einer der Erzschlaraffen. Bei der Reichsgründung war er der Junker Carol und wurde bereits am 9. Februar1914 zum Ritter Kapitälchen vom Venusberg geschlagen.
In seiner wechselvollen Geschichte bewohnte das Reich Castrum Bonnense sieben Burgen. Drei davon gestaltete Ritter Kapitälchen entscheidend mit.
Sein erstes Werk war die Drachenburg in der Kaufmannstraße im sogenannten Musikerviertel. Durch geschickte Vernetzung gelang es dem Reych, das ehemalige Atelier des expressionistischen Bildhauers Karl Menser zu erwerben. Dieses Atelier gestaltete Ritter Kapitälchen zu einer Burg um, die auf den Namen „Drachenburg“ getauft und im Dezember 1931 eingeweiht wurde.
Diese Burg konnte das Reich bis 1937 nutzen, als die Schlaraffia in Deutschland durch die Nationalsozialisten zur Auflösung gezwungen wurde und der schlaraffische Funke am 28. Februar 1937 auch in Bonn erlosch.
Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte das Sippungsgeschehen in Bonn schnell wieder auf. Einen Ort zum Sippen zu finden war schwierig. Es gelang erst mach mehreren Anläufen und auch durch die Großzügigkeit von Ritter Colonius, 1947 einen Raum als Burg herzurichten.
Dieser Raum lag im Dachgeschoss seines Verlagshauses. Auch hier wirkte Kapitälchen federführend mit und so entstand im Bonner Norden die erste Florestanburg. Um in den Rittersaal zu gelangen, mussten die Sassen eine Betontreppe mit 56 Stufen erklimmen. Das Reich wuchs rasch und dies führte allerdings zu einem erfreulichen Problem: die Burg wurde zu klein.
Mehrere Jahre wurde nach einer neuen Bleibe gesucht, bis Ritter Kapitälchen schließlich die Lösung stiftete.
Er schenkte dem Reich aus seinem Besitz das Grundstück in der Schedestraße 17. Am 10. Januar 1954 beschloss die Mitgliederversammlung des Reiches den Bau der neuen Burg. Wir wissen leider nicht, wann dieser erste Spatenstich genau stattfand, doch er muss sehr bald nach dem Beschluss zum Bau getan worden sein. Am 8. Mai 1954 wurde Richtfest gefeiert. Dazu stiftete der Bildhauer Ritter Steinpoet einen Uhu.
Die Kosten von 35.000 D-Mark (ca. 100.000 Euro) wurden zu zwei Dritteln durch Materialspenden und Arbeitseinsatz der Sassen gedeckt. Wenn man sich die Ritternamen und die gespendeten Materialien anschaut, dann ist es bei einigen nicht schwer, auf den profanen Beruf des Sassen zu schließen, z.B. Ritter Papperlapp, der die Dachpappe stiftete oder Ritter Nirostra, der die Eisenträger für die Decke beitrug.
Hier sehen wir Ritter Kapitälchen auf der Baustelle. Er war der Architekt und Bauleiter. Leider schlug während der Bauzeit Oho erbarmungslos zu und schickte Ritter Kapitälchen am 26. Juli 1954 auf seinen letzten Ritt in die lichten Gefilde Ahallas. Doch sein Vermächtnis wurde vollendet:
Pünktlich zum Beginn der Winterung, am 2. Oktober 1954, wurde die Florestanburg eingeweiht. Rufen wir uns das ins Bewusstsein: im Januar wurde der Entschluss zum Burgbau gefasst und im Oktober wurde die Burg eingeweiht! Seit mehr als 70 Jahren sippen wir nun in dieser Burg – ein unschätzbares Geschenk unserer Altvorderen!
Entstehung des allschlaraffischen Florestan-Turneys
Diese Burg wurde nicht nur unser Zuhause, sondern auch der Ausgangspunkt einer besonderen Tradition. Die erste Florestanfeyer wurde bereits vor der offiziellen Gründung begangen. Sie fand am 15. Dezember 1913 statt. Dafür schufen zwei Schlaraffen ein eigenes Werk: ‘Uhudämmerung’. Ritter Roland aus der Mutter Colonia Agrippina schrieb den Text. Ritter Prima Vista war damals Leiter des Beethoven-Orchesters und komponierte die Musik.
In der eigenen Burg wurden feierte das Reich weiterhin Florestanfeste. Zum 50. Stiftungsfest am 2. Mai 1964 stiftete das Reych den ‘Florestan-Orden‘.
Den nächsten Auftrieb erhielt die Entwicklung durch unseren weiland Ritter Beryll vom echten Schrot und Doppelkorn. Er war profan Uhrmacher- und Goldschmiedemeister und fechste eine prächtige, güldene Kette als Wanderpreis für den Sieger in einem Florestanturney.
In Bonn fand seit 1947 das durch die Stadt organisierte Beethoven-Fest alle zwei Jahre statt. Es fiel also immer auf die ungeraden Jahre. Deshalb war es eine pfiffige Idee und ein kluger Schachzug, das erste Florestanturney in einem Jahr mit gerader Jahreszahl zu veranstalten. So füllte es die Lücke zwischen zwei „profanen” Beethoven-Festen. Das erste Turney um diese kostbare Florestan-Kette fand am 5. Dezember 1970 statt. Es gab dann ein zweites Turney vier Jahre später, 1974.
Hier im Rheinland gibt es den schönen Spruch „Was zweimal geschieht ist Gewohnheit, beim dritten Mal ist es Tradition.”
Es stand für das Reych Castrum Bonnense ganz klar fest, das Florestan-Turney zu einer Tradition zu machen. Diese Tradition sollte auch im Uhuversum fest verankert werden. Also nahm unterbreitete das Reich den Vorschlag, es zu einem allschlaraffischen Turney zu erklären.
Dieser Vorschlag wurde angenommen, so dass das dritte Florestanturney im Dezember 1977 erstmals als „Allschlaraffisches Florestanturney” veranstaltet wurde. Dieses Turney war auch das erste, das unter einem Thema stand: “Beethovens Bonner Zeit”.
Wir wollen jetzt nicht alle Florestanturneye mit ihren Siegern aufzählen, aber ein bisschen Statistik schadet ja nicht. An den vorangegangenen zehn Turneyen nahmen über 100 Kämpen aus dem Uhuversum teil und 27 Schlaraffenfreunde haben die Florestankette bis heute getragen. Nach der pandemiebedingten Pause können wir nun endlich unseren Ehrenschlaraffen Florestan wieder gebührend feiern.
Möge das schlaraffische Spiel in Bonn noch lange weiterleben! Die vergangenen 111 Jahre haben gezeigt, dass unser Castrum Bonnense Krisen übersteht, sich erneuert und doch seine Essenz bewahrt – Freundschaft, Kunst und Humor. Damit dieses Erbe fortbesteht, braucht es unsere gemeinsame Begeisterung. Es braucht die Weisheit der Altvorderen, die Schaffenskraft der Gegenwart und den Mut zur Zukunft. Wenn wir neue Freunde für unser Spiel begeistern, unsere Traditionen mit Leben füllen und offen für neue Impulse bleiben, dann wird die schlaraffische Flamme überall im Uhuversum weiter brennen – hell und beständig. In diesem Sinne: Lasst uns unsere Reyche mit Herz und Geist erhalten und gestalten – auf dass das Echo unseres Spiels noch lange im Uhuversum erklinge!









