Nachklang zum Rezitationsabend am 30.05.26
Die schlaraffische Durchmusterung deutscher Liebesdichtung
Wenn ein geborener Schlaraffe Poesie und Prosa zum Thema Liebe mit dem Blick für das
Ungewöhnliche, Widersprüchliche, Absurde und Makabre betrachtet, dann findet er
neben der unschuldigen Liebe vor allem wilde Lust, ungehemmte Leidenschaft, stille
Resignation, verzweifeltes Aufbäumen und tödliche Wege der Lustbefriedigung. Ein
solcher Schlaraffe findet zwangsläufig Lesestoff bei Autoren wie Christian Morgenstern,
Joachim Ringelnatz, Wilhelm Busch, Franz Hessel, Heinz Erhard, Friederike Kempner,
Julie Schrader, Peter Paul Althaus, Georg Christoph Lichtenberg, Arno Holz, Kurt
Schwitters, Hugo Ball und H.C. Artmann.
Aus diesem Fundus schöpfte unser Jk Martin – profan: Dr. Martin Thomé – im Rahmen
der 12. Veranstaltung der Reihe „Kultur in der Bonner Burg“ am 30. Mai 2026 mit dem
Titel
Von Liebe, Lust und Leidenschaft
Ein rezitativer Rundgang durch Sinn und Unsinn
Dem heißen und schwülen Wetter trotzend fanden sich 27 Personen in der Bonner Burg
ein. Sie wurden vom Vereinsvorsitzenden Wolfgang Weinreich – Rt Panta-los – freundlich
begrüßt und kurz über das Ambiente informiert. Dann ergriff für knapp zwei Stunden (mit
Pause) Jk Martin das Wort und präsentierte – Morgensterns Vorrede zu den Galgenliedern
quasi als Leitlinie nutzend – eine aus zahlreichen Liebesgeschichten von ihm konstruierte
lange Liebesgeschichte. Einmal setzte er sich an den Flügel und begleitete seinen Gesang
mit eindrucksvoll gesenkter Stimme über die Ballade von der entehrten Frau, die
Selbstmord begeht.
Etliche Gedichte wiesen systematisch Reime auf, die vom Ersatz der passenden Vokale
durch falsche, aber reimende, Vokale gekennzeichnet sind. Dafür scheint der Rezitator
eine Vorliebe zu haben. Diese ermunterte ihn auch, das Nonsens-Gedicht Jabberwocky im
englischen Original (Lewis Carroll: Alice hinter den Spiegeln) und in deutscher
Übersetzung (Christian Enzensberger: Der Zipferlake) vorzutragen, obwohl es mit Liebe,
Lust und Leidenschaft nicht erkennbar zu tun hat – wohl aber mit dem im Titel der
Rezitation genannten Unsinn.
Wir setzen die Reihe am 17. Oktober mit der Veranstaltung “Auf 88 Tasten durch die Midterms -Klavierkabarett mit Stephan Eisel” fort.
